Die Sache mit der Realität – Gedankengänge einer Au Pair-Gastmutter

Ein Leben mit Au Pair verspricht vieles: Interkultureller Austausch, neue Denkansätze und viel Lebensfreude im Haus nebst dem Spracherwerb. Wie oft sich aber die Theorie von der Praxis unterscheidet und dass selbst mit viel Austausch im Vorhinein nicht alles immer so läuft, wie man es gern hätte, haben wir mal wieder am eigenen Leib erfahren.

Es ist Mitte November Abends irgendwann schon lange nach den Logo-News. Ich bin fertig von all den Aufgaben und dem Workload meines Studiums und kommen geschafft nach Hause, nur um die Küche im Chaos vorzufinden. Manche werden jetzt denken, gut, ist bei mir und meinem Partner auch so, aber die Crux ist: Hier ist kein Partner involviert (der ist schließlich unter der Woche nur selten zu Hause) sondern unser Au Pair. Während ich also in windeseile und mit einer zugegeben eher grimmigen Grundstimmung die Küche auf Vordermann bringe, sitzt sie am Tisch und wartet.

Die letzten Wochen waren nicht optimal gelaufen. Sie ist eher abwesend, jedenfalls geistig und hängt viel am Smartphone, führt Arbeitsaufträge nicht wirklich zu meiner Zufriedenheit aus. Das fröhliche Mädchen aus den Skype-Gesprächen, das wir 8 Monate zuvor kennengelernt hatten, ist hier nirgendswo zu finden. Wieder einmal merke ich wie weit Wunschdenken und Realität auseinander liegen. Wir hatten uns auf ein lebensbejahendes Au Pair gefreut, die uns als Familie unterstützt und aktiv mit den Kindern Dinge unternimmt. So war es jedenfalls gedacht. Mehrmals hatte ich ihr signalisiert, dass sie etwas an ihrem Verhalten ändern muss, ihr sogar frei gegeben um sich zu besinnen. Geholfen hat es nichts.

Ob ich kurz Zeit hätte, fragt sie mich. ‘Zeit ist in meiner Welt eher Mangelware‘,denke ich, setze mich aber hin, weil auch ich eigentlich Gesprächsbedarf habe. Eigentlich wollte ich damit gewartet haben, bis mein Mann wieder da ist, um ihr schonend beizubringen, dass wir ihr anbieten möchten uns Anfang Februar zu verlassen.

Diese Entscheidung nimmt sie mir ab. Sie möchte nach Hause. Als Hauptgrund gibt sie an, dass Deutschland einfach nicht so atemberaubend ist wie sie es sich vorgestellt hat, es sei ‘einfach nur OK.‘ Es tut mir leid für sie, auch wenn ich nicht glaube, dass das ihr wahrer Grund ist, ist es doch sicherlich einer der Gründe. Mir geht es auch nicht darum, jetzt etwas schlechtes über unser Au Pair zu schreiben, es geht eher darum wie es dazu kommen konnte.

Nach nun 12 Au Pairs kann ich uns als Au-Pair Pro‘s bezeichnen. Wir haben ein eigenes Au Pair ABC entwickelt, sprechen regelmäßig mit den Kandidatinnen vor ihrer Ankunft und zeigen viele Bilder von unserem Leben. Wir versuchen sie hier einzugliedern, stellen sie überall vor und nehmen sie gern mit. Und trotz all diesen Dingen, die wahnsinnig viel Zeit und Mühe kosten, funktionieren Gastfamilie und Au Pair manchmal einfach nicht miteinander.

Schuld daran hat keiner, meistens jedoch ist es einfach so, dass diese noch sehr jungen Mädchen, von denen viele noch nie ausserhalb ihres Landes waren, noch nicht offen für einen interkulturellen Austausch sind, auch wenn sie wünschten, dass sie es wären oder aber glauben es zu sein. Offen für ein vollkommen neues Umfeld zu sein heisst nämlich auch neue Mahlzeiten und Traditionen zu akzeptieren und sich integrieren zu wollen und nicht das eigene Land in einem fremden zu suchen und zu vergleichen. Es heisst, über seinen eigenen Schatten zu springen und seine Seele im Jetzt und Hier rasten zu lassen und es heißt nicht zuletzt auch, sich ein bisschen von seinen sozialen Kontakten im Heimatland zu lösen und auf neue hier einzulassen.

Ein weiterer Punkt, der mir zunehmend in den vergangenen Jahren aufgefallen ist, ist der Gemütszustand der jungen Mädchen. Immer wieder nehmen wir hier Mädchen auf, die psychisch gar nicht in der Verfassung sind, diese doch recht Anspruchsvolle Aufgabe des Au Pair sein zu bewältigen. Die Selbstsüchtigkeit versetzt mich manchmal in Wut ob der Tatsache, dass sie sich keinerlei Gedanken um zwei kleine Damen machen, die ihre Herzen für sie öffnen und alles tun, damit sich die Au Pairs hier wohl fühlen.

Wie kann ich gerade so etwas herausfiltern?

Da man ja schlecht Fragen kann, ob die Kandidatin unter psychischen Erkrankungen leiden und wirklich offen genug für einen Inklusion in unsere Kultur sind, werde ich in den kommenden Wochen einen Brief verfassen, den ich dem Vertrag zur Unterschrift beilegen werde. Ich werden versuchen so empathisch wie möglich in die Rolle des Au Pair zu schlüpfen und zu erläutern, was wir als Familie brauchen und was sie als Au Pair mitbringen sollte, damit es für einen längeren Zeitraum wenige Komplikationen im Zusammenleben gibt.

Ich fürchte jedoch, dass es kein Patentrezept gibt, es geht eher um eine Annäherung 😉 Zu groß ist manchmal einfach die Diskrepanz zwischen Theorie und Praxis.

Drückt uns die Daumen, dass die Mühe, die ich mir mache, sich auszahlt und wie das nächste Mal wieder etwas mehr Glück haben. Das wäre auch für die Kinder schön.

 

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