Und irgendwann machst du einen Fehler – Lehrmethoden im kritischen Blick

Lotta kommt nach Hause. «Schule war heute so doof, Mama», sagt sie.

Ich genieße es, solche Gespräche mit ihr führen zu können und bin froh, dass ich sie nach der Schule an den meisten Tagen abfangen und ihr den Schulstress etwas abnehmen kann. «Was ist denn genau doof gewesen?», frage ich. Sie erzählt mir, dass sie heute mit der Klasse ein Wintergedicht durchgelesen haben und sie erst ganz am Ende drankommen durfte. Ich möchte wissen, wie genau sie das meint, habe ich doch schon ein Bild in meinem Kopf, dass ich ungern bestätigt sehen mag.

Alle Schüler sitzen mit dem aufgeschlagenen Buch in der Klasse. Das Gedicht auf der Seite hat einige eher altdeutsche und sehr lyrische Ausdrücke. Herausfordernd für alle Schüler der 4. Klasse.

Um das Lesen zu üben, sollen die Kinder nun reihum lesen. Dabei darf ein Kind immer solange der Klasse laut vorlesen, bis es einen Fehler macht. Dann ist das nächste Kind dran. Lotta wird mit den Worten «du kommst erst am Schluss dran» übersprungen. Viele Kinder schaffen nur ein paar Worte, wenn überhaupt. Denn auch ein Stocken zählt als Fehler.

Was genau das mit den Kindern der Klasse macht, ist leicht zu erraten. Fehler sind nicht erlaubt, das verursacht bei manchen Kindern im besten Fall eine leichte Aufregung oder Langeweile, bevor sie dran sind. Im schlimmsten setzt es das Kind sehr unter Druck und unterstützt Versagensängste, die dann oft verstärkt werden, wenn das Vorlesen nicht gelingt. Auch Kinder, die als starke Leser gelten, werden nicht in ihren Kompetenzen gefördert. Besonders dann nicht, wenn ihnen von Anfang an klar gemacht wird, dass sie sowie nicht so schnell mit dem Lesen drankommen, weil sie «zu viel» lesen würden. Da stellt sich mir als Mutter und angehende Lehrerin die Frage, was denn genau mit diesem Verfahren erreicht werden soll.

Soll es zu einer möglichst schnellen Fehlerdetektion kommen?

Soll festgestellt werden, dass ein Schüler eine bestimmte Anzahl an Wörtern korrekt lesen kann?

Für mich können diese Fragen zu keinen konkreten und vor allen didaktisch sinnvollen Antworten führen, denn es ist ja klar, dass jeder Leser -früher oder später- einen Fehler beim Lesen macht und dann durch Beendigung ein Misserfolg für das Kind eintritt.

Worauf achten Kinder, wenn sie versuchen, möglichst fehlerfrei zu lesen und was wird durch solche sehr alten und nicht ohne Grund stark in der Kritik stehende Verfahren provoziert?

Wenn ich mich so sehr konzentriere, jedes Wort korrekt zu erfassen und zu lesen, ist meine Kognitionsleistung fast komplett auf das Dekodieren von Wörtern beschränkt. Besonders dann, wenn es sich um neue unbekannte Wörter handelt. Diese Prozesse behindern mich nicht nur darin, den eigentlichen Sinn hinter dem Geschrieben erfassen zu können, sondern halten mich auch davon ab, dem Text einen ästhetischen Sinn zu geben und ihn betont vorlesen zu können.

Möchte ich also, dass meine Schüler auf jeden Fall jedes Wort korrekt lesen können, ohne denn Sinn des Geschriebenen zu verstehen?

Oder kann ich kleine Fehler verzeihen, wenn meine Schüler aber dafür ein gutes Textverständnis haben und ihre ersten Erfahrungen mit Betonung machen können?

Sicher ist dies eine eigentliche rhetorische Frage und doch ist Reihumlesen immer noch eine gängige Praktik im Deutschunterricht der Grundschule. Und so lange dieser Zustand auch von jüngeren Lehrer/innen unreflektiert übernommen und weiter geführt wird, liegt es an uns Eltern, unseren Kindern den Spaß am Lesen zu vermitteln und ihnen ein Bewusstsein dafür zu geben, dass einen guten Leser nicht das fehlerfreie Lesen ausmacht. Fehler sind ein natürlicher Prozess und gehören zum Lesen genauso dazu, wie zum Rest unseres Lebens.

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